Wiederholung – Das Feature

UPDATE: Am 22.06. wird unser Provinzpop-Feature nochmal wiederholt, und zwar ab 20.05h im Deutschlandfunk.

Am 26.06.2013 um 00:05 Uhr wird  „Bad Salzuflen Weltweit: Von der Geburt des Diskurspop aus dem Geiste der Kurtaxe“ wiederholt, und zwar bei Deutschlandradio Kultur. – Danke nochmal an Bernadette La Hengst, Frank Werner, Frank Spilker & Bernd Begemann.

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Der Meister und Jochen

Heute, wo Popkritik größtenteils Service-Rubrik mit 1 bis 5 Sternchen ist, kann man sich das kaum mehr vorstellen. Aber Mitte der 1980er scheint es so gewesen zu sein, dass alle nur darauf warteten, was ER sprach. Diederich Diederichsen. Bernd Begemann erinnert sich:

„Man musste die neueste Diederich-Derderichsen-Losung kennen, sonst war man ein Idiot. Man musste auch die Parolen lernen, man musste Worte benutzen wie zum Beispiel ,Differenz‘. Wenn man das Wort ,Differenz‘ nicht kannte oder benutzen konnte, war man offensichtlich ein gehirnamputierter Spießer.“

Es war eine Zeit, so Bernd, da man „religiös Musikzeitschriften las“. Und sich in einem Fall sogar auf Pilgerfahrt machte, um Absolution zu bekommen.

„Ich glaub, der Schlüsselaugenblick der Hamburger Schule ist, wie Jochen von Diederich Diederichsen abgelehnt wird. Er spielt ihm seine Bienenjäger-Songs vor und Diederichsen findet das kitschig – ich weiß nicht genau, was seine Worte sind. Jochen wird also abgelehnt von dem großen Mann, von dem Diskurs-Meister und ist entschlossen, was zu machen, was nicht einfach so abgetan werden kann. Und er schreibt dieses Lied ,Von der Unmöglichkeit „Nein“ zu sagen, ohne sich umzubringen‘.“

„Das mochte Diederich Diederichsen. Und das war auch was Neues. Danach kam es mir so vor, dass Jochen von Diederich Diederichsen regelrecht adoptiert wurde.“

Dann lässt Bernd sich zu einem historischen Vergleich hinreißen, den man nicht teilen muss:

„Eine Zeit lang kam es mir so vor, dass Diederich Diederichsen Robbespierre ist. Er richtet alles hin, was nicht reinpasst. Er markiert den Feind. Das ist sowieso die Vorgehensweise der linken Intelligenz, dass man den Feind benennt. Das hat Diederich Diederichsen fast als einziger getan für kulturell interessierte Linke, lange Zeit, in Deutschland. Und wer ist Jochen? Mir kam es so vor, als wäre Jochen sein Saint-Juste. Für Leute, die sich nicht so auskennen mit Geschichte: Saint-Juste war der Poet der französischen Revolution, der all die Hinrichtungen poetisierte und diese Ströme von Blut rechtfertigte – mit Kunst. Nun, es starben ja nicht wirklich Leute. Aber es wurden viele Reputationen zerstört. Und es wurden auch viele Grausamkeiten begangen. Was vielleicht nötig war, um die furchtbaren 80er Jahre endgültig abzuschütteln und zu exorzieren.“

Die Nähe von Jochen zu Diederichsen war Bernd suspekt:

„Mir kam es so vor, als ob er in vorauseilendem Gehorsam schreibt. Ich weiß, dass wir zwei da mal drüber geredet haben, über diese intellektuelle Symbiose, die er mit Diederich Diederichsen einging. Und er meinte: ,Nö, ich schreib das einfach so, das hat damit nichts zu tun. Ich les halt Diederichsen-Artikel, aber das heißt ja nicht, dass ich alles tue, was er sagt.‘ Das war bestimmt auch so. Aber ich bin sicher, dass bei Jochen so ein Ding am Werk war wie ,Ich wills denen mal zeigen. Ihr werdet mich nie wieder verachten. Ihr werdet mich nie wieder für einen ungebildeten Provinzler halten, der keine Baudrillard-Zitate benutzen kann.'“

Das, kann man sagen, hat geklappt.

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Zahnärzte & Hausfrauen & Fußgängerzonen

Bernd Begemann hat ein Stück, das für alles Falsche und Schlechte steht in der deutschen Musik. Deutsche Antimusik. Nicht HRK, nicht MMW. Nein, es ist ein One-Hit-Wonder namens Trio Rio.

Marcus Wiebusch von Kettcar, den wir auch für unser Feature getroffen haben, erklärt das so:

„Wenn man sich mit Bernd unterhält, ist sein Lieblingsbeispiel ja immer, dass es damals einen Hit gab namens „New York, Rio, Tokyo“ von einer Band, die heute kein Schwein mehr kennt. Wo es halt so eskapistisch darum ging, sich wegzumachen. Aus deutscher Sprache. Und Bernd hat gesagt, nein, darum geht es nicht. Ich will halt von dem Zahnarzt da hinten und der Hausfrau da vorne und der Fußgängerzone hier gerade singen.“

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„Und alle tanzten im Staubsaugertanz“

Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Enger. Ein paar Jahre lang stand das so auf etlichen Tourplakaten und machte tatsächlich Sinn. Das Forum Enger war nicht nur für die Fastweltweit-Clique ein wichtiger Bezugspunkt: 1989 wurde der düstere Kellerladen im Nirgendwo, der 1974 von ein paar Studenten gegründet worden war, zum besten Musikclub Deutschlands gewählt. Spätere US-Größen tauchten auf, Nirvana, Soundgarden, neben bald schon wichtigen deutschen Acts. (Alle Videos kommen aus dieser Zeit.)

Bernadette La Hengst erinnert sich:

„Es ging in unseren Diskursen natürlich auch ums Forum Enger, um die Musik, die da lief, um das Tanzen, um diesen dunklen Keller, der halt anders war als alles andere, was es sonst so gab. Vor allem in Bad Salzuflen.

Also es gab fast so eine Zwanghaftigkeit, in dieses Forum Enger zu gehen. Das hatte immer Mittwochs und Sonntags Disco. Sonst natürlich auch Konzerte, aber vor allem diese Disco-Termine mussten von mir unbedingt eingehalten werden. Weil wenn ich da nicht hin konnte, dachte ich, die Welt bricht zusammen. Ich verpasse alles! Für den Rest meines Lebens!

Mein Vater hat dann auch irgendwann zu mir gesagt: „Bernadette, du bist so spießig! So spießig wie du war ich noch nie in meinem Leben! Jeden Mittwoch und Sonntag rennst du dahin! Du hältst uns Erwachsenen Spießigkeit vor! Guck dich selber an!“

„Und alle tanzten im Staubsaugertanz, wo man so nach unten guckt und die Tanzfläche quasi mit dem Staubsauger sauber macht… also diesen Post-Punk/New Wave-Schritt.

Es kam mir vor wie so ein Keller mit ganz niedrigen Decken. Vielleicht täusch ich mich auch. Aber es war auf jeden Fall wahnsinnig dunkel und die meisten Leute waren immer in schwarz, nur ich war immer in weiß. Oder in bunt. Also irgendwie passte ich da auch nicht so wirklich rein. Ich war weder Punk noch wirklich Hippie, noch Gothik…ich war gar nichts.

Ich war Bernadette. Bisschen Sixties vielleicht, aber ich war eher so ein buntes Mädchen, ein helles Mädchen. Und das passte auch nicht so richtig da rein. Aber das war auch das Schöne am Forum Enger, dass es da jetzt nicht nur einen Stil gab, sowohl musikalisch als auch vom Kleidungsstil…“

1998 wurde der Mietvertrag gekündigt. Das Forum zog nach Bielefeld. Und heute erzählen sich vermutlich tausende Menschen, wie sie die damalige Vorband Nirvana anno `89 abgefeiert haben.

Vermtlich waren nur 50 Leute dort. Bootlegs zirkulieren bis heute.

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Teenage Kicks am Waldesrand: John Peel auf BFBS

Die Mimmi’s (ja, mit Deppen-Apostroph, aber hey, das sind die 1980er, da war das noch okay). Legendäre (Fun-)Punk-Band. Frank Spilker erwähnt sie im Interview in einem aus heutiger Sicht seltsamen Zusammenhang. Denn woher wusste der ostwestfälische Musikfan, dass es diese Bremer Band gab? Oder Thomas Meineckes FSK?

Na, aus einem Soldatensender, der seinerseits Programme des britischen Hörfunks übernahm, wo sie einen besessenen DJ machen ließen, was er wollte. Sprich: Aus John Peels Sendungen auf BBC 1, die dank BFBS in der Region empfangbar waren. Im deutschen Radio spielten sie lieber Nena.

Kein Wunder, dass sich Frank Werner, der am Waldrand wohnte, eine besonders empfangsstarke Antenne auf dem Balkon aufstellte und sie Richtung Herford ausrichtete, um den dort angesiedelten Sender reinzukriegen. Nun wird Peel-Hören ja, wie man gerade hört, einfacher. Seine riesige Plattensammlung wird über das Portal „The Space“ Stück für Stück verfügbar gemacht.

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Die Bienenjäger – Was werden wir finden

Zweites Stück von den Bienenjägern, der frühen Band von Jochen Distelmeyer. Wer denkt jetzt nicht an „2 oder 3 Dinge, die ich von dir weiß“.

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In Hamburg. Tag 2.

Vor ihrer Rückfahrt nach Berlin treffen wir Bernadette La Hengst. Zwei intensive Stunden lang erinnert sie sich an eine Zeit, als es noch keine weiblichen Role Models gab. Also wurde sie einfach selbst eins.

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The Discount – Linoleum im Hirn

http://soundcloud.com/fastweltweit/the-discount-linoleum-im-hirn-1984

Vor den Sternen spielte Frank Spilker bei The Discount – und wir reden jetzt von 1984. Wie so viele andere schöne Stücke aus der Zeit zu finden bei Frank Werners Soundcloud-Seite.

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In Hamburg. Tag 1.

Der „sanfte Riese“ (eines der vielen pointensicheren Zitate von Bernd Begemann) empfängt uns in in seinem Proberaum. Frank Spilker erzählt uns zwei Stunden lang gutgelaunt von frühen Zielen, ambitionierten Sounds und dem großen Abwensenden dieses Features: Jochen Distelmeyer. Dann radelt er in den Sonnenuntergang.

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Die Braut haut ins Auge – Lauf los

Mit Bernadette La Hengst. Vom ersten Album von 1993.

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