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“Fehlfarben hatte auf alle eine Wirkung”

Die unbezahlbare Technik. Das war der vielleicht wichtigste Hinderungsgrund, Musik aufzunehmen und rauszubringen. In Zeiten absoluter Technologie-Demokratisierung kaum vorstellbar. Im zweiten Teil des Interviews erzählt Frank Werner von 16-Spur-Maschinen, Cowboy-Boots und Ton Steine Scherben. Hier Teil 1 des Interviews.

Wie muss man sich die Technik vorstellen, die du gekauft hast? Also was genau, was hat das gekostet, was konnte man damit machen etc.?

Zu Anfang gab es einen kleinen Mischer mit 8 Aufnahmekanälen von Tascam und eine 4-Spur-Tonbandmaschine. Das hat ca. 6000 DM gekostet und es war für einen Studenten eine große Summe. Mit der Ausrüstung und geliehenen Stativen und Mikrofonen habe ich in den Proberäumen befreundeter Bands und Musiker die ersten Aufnahmen gemacht. Als ich anfing, mit den Aufnahmen Geld einzunehmen, gab es 1983 eine offizielle Gewerbeanmeldung mit der Tätigkeitsbeschreibung „Herstellung und Vertrieb von Tonträgern“. Die Ausrüstung wurde über die Jahre immer besser, bis zur 16-Spur-Maschine, einem großen Mischer, digitalem Equipment, besseren Mikrofonen und eigenen Aufnahmeräumen. Die größere Anzahl der Spuren bedeutet eigentlich nur eine bessere Möglichkeit der Nachbearbeitung einzelner Aufnahmeereignisse. Wir haben mit all diesen Techniken experimentieren und aufnehmen können.

Wie sah die Aufgabenverteilung aus?

Entscheidend in der Studioarbeit ist die Aufgabenteilung und die daraus resultierende Verantwortlichkeit. Klassisch wäre eine Aufteilung in Musiker, Techniker und Produzent, jemanden, der für den Klang, und jemanden, der für die Ausführung verantwortlich ist. Das war bei den Fast-Weltweit-Bands in der Regel Teamarbeit. Bernd Begemann hat zum Beispiel Aufnahmen von den Time Twisters und von Achim Knorr, Der Fremde, produziert. Frank Spilker und Mirko Breder haben Bernadette Hengst bei den Aufnahmen mit Rat und Tat geholfen, da sie damals noch keine eigene Band hatte.

Gab es Vorbilder?

Fehlfarben hatte auf alle eine Wirkung. Thomas Schwebel hat 1984 die erste Single von Michael Girkes Jetzt („Acht Stunden sind kein Tag“/„Meine stille Generation“) im Studio abgemischt. Horst Luedtke, Produzent von „Monarchie und Alltag“, hat 1989 eine Woche Bernadette in der „Klangforschung“ produziert. Geplant war eine Single. Er kam im Mercedes, trug Cowboystiefel und wohnte im „Maritim“. Die Aufnahmen waren sehr spannend und haben mich positiv beeinflusst. Er hat es in einer kurzen Zeit verstanden, aus den vorhandenen Bedingungen, den Musikern, der Technik und mir als Tontechniker das Beste herauszuholen. Die Single wurde nie veröffentlicht. Bernadette lernte Monate später in Berlin ihre Mitstreiterinnen von Die Braut haut ins Auge kennen, und ihre Geschichte nahm einen anderen Lauf.

Gab es alternative Modelle, ein Label zu führen?

Ein wichtiger Einfluss war das Label Schneeball. Das waren die ersten Gehversuche unabhängiger Schallplattenproduktion in der Bundesrepublik Mitte der 70er-Jahre. Die erfolgreichste Schneeball-Band war Ton Steine Scherben, die von ihren Platten jeweils bis zu 180000 Exemplaren im Selbstvertrieb verkaufen konnten. Die Platten wurden gegen Provision in Platten- und linken Buchläden verkauft. Ein kleiner Kreis von Freunden und Musikern der jeweiligen Gruppen sorgte für die „Bestückung“. „Umsonst & Draußen“ hießen die Sommerfestivals  der Jahre 1975 bis 1979 in Vlotho und Porta Westfalica, und dort, quasi 20 Kilometer vor unserer Haustür, spielten vor allen Dingen Bands aus dieser Szene. Das letzte Festival hatte die enorme Besucherzahl von 250000 Menschen.

Heute ist die Technik ja dermaßen demokratisiert, dass jeder sofort Musik machen und aufnehmen kann. Die Hürden sind klein. Wie stehst du dazu?

Eigentlich sehr positiv. Ich konnte ja auch von den Anfängen des Homerecordings und Multitrackings profitieren. Bands und Musiker können sich heute viel besser über das Internet darstellen und promoten, z. B. über SoundCloud und YouTube, oder im Eigenvertrieb auch ihre Musik verkaufen, z. B. über CD Baby und Bandcamp. Von diesen Möglichkeiten hätte ich früher nur träumen können. Die Hürden, von der Musik leben zu können, sind hingegen viel größer geworden. Den Plattenfirmen und Künstlern bricht durch die Digitalisierung ihr altes Geschäftsmodell, der Verkauf eines Konzeptalbums, weg. Ich spreche jetzt nicht von den möglichen illegalen Kopien im Netz, sondern davon, dass durch den digitalen Verkauf wieder das einzelne Stück, die Single, im Vordergrund steht. Der Hörer kann sich seine Lieblingsstücke via iTunes, Amazon und ähnliche Dienste digital kaufen und muss nicht mehr das ganze Album erstehen. Die Situation ist eigentlich sehr ähnlich zu der in den 50er-Jahren, wo die Single hauptsächlich verkauft wurde. Die meisten Musiker leben heute von der Livemusik und entsprechend groß ist die Konkurrenz.

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