Schlagwort-Archive: Bernd Begemann

Der Meister und Jochen

Heute, wo Popkritik größtenteils Service-Rubrik mit 1 bis 5 Sternchen ist, kann man sich das kaum mehr vorstellen. Aber Mitte der 1980er scheint es so gewesen zu sein, dass alle nur darauf warteten, was ER sprach. Diederich Diederichsen. Bernd Begemann erinnert sich:

“Man musste die neueste Diederich-Derderichsen-Losung kennen, sonst war man ein Idiot. Man musste auch die Parolen lernen, man musste Worte benutzen wie zum Beispiel ,Differenz’. Wenn man das Wort ,Differenz’ nicht kannte oder benutzen konnte, war man offensichtlich ein gehirnamputierter Spießer.”

Es war eine Zeit, so Bernd, da man “religiös Musikzeitschriften las”. Und sich in einem Fall sogar auf Pilgerfahrt machte, um Absolution zu bekommen.

“Ich glaub, der Schlüsselaugenblick der Hamburger Schule ist, wie Jochen von Diederich Diederichsen abgelehnt wird. Er spielt ihm seine Bienenjäger-Songs vor und Diederichsen findet das kitschig – ich weiß nicht genau, was seine Worte sind. Jochen wird also abgelehnt von dem großen Mann, von dem Diskurs-Meister und ist entschlossen, was zu machen, was nicht einfach so abgetan werden kann. Und er schreibt dieses Lied ,Von der Unmöglichkeit „Nein“ zu sagen, ohne sich umzubringen’.”

“Das mochte Diederich Diederichsen. Und das war auch was Neues. Danach kam es mir so vor, dass Jochen von Diederich Diederichsen regelrecht adoptiert wurde.”

Dann lässt Bernd sich zu einem historischen Vergleich hinreißen, den man nicht teilen muss:

“Eine Zeit lang kam es mir so vor, dass Diederich Diederichsen Robbespierre ist. Er richtet alles hin, was nicht reinpasst. Er markiert den Feind. Das ist sowieso die Vorgehensweise der linken Intelligenz, dass man den Feind benennt. Das hat Diederich Diederichsen fast als einziger getan für kulturell interessierte Linke, lange Zeit, in Deutschland. Und wer ist Jochen? Mir kam es so vor, als wäre Jochen sein Saint-Juste. Für Leute, die sich nicht so auskennen mit Geschichte: Saint-Juste war der Poet der französischen Revolution, der all die Hinrichtungen poetisierte und diese Ströme von Blut rechtfertigte – mit Kunst. Nun, es starben ja nicht wirklich Leute. Aber es wurden viele Reputationen zerstört. Und es wurden auch viele Grausamkeiten begangen. Was vielleicht nötig war, um die furchtbaren 80er Jahre endgültig abzuschütteln und zu exorzieren.”

Die Nähe von Jochen zu Diederichsen war Bernd suspekt:

“Mir kam es so vor, als ob er in vorauseilendem Gehorsam schreibt. Ich weiß, dass wir zwei da mal drüber geredet haben, über diese intellektuelle Symbiose, die er mit Diederich Diederichsen einging. Und er meinte: ,Nö, ich schreib das einfach so, das hat damit nichts zu tun. Ich les halt Diederichsen-Artikel, aber das heißt ja nicht, dass ich alles tue, was er sagt.’ Das war bestimmt auch so. Aber ich bin sicher, dass bei Jochen so ein Ding am Werk war wie ,Ich wills denen mal zeigen. Ihr werdet mich nie wieder verachten. Ihr werdet mich nie wieder für einen ungebildeten Provinzler halten, der keine Baudrillard-Zitate benutzen kann.’”

Das, kann man sagen, hat geklappt.

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Zahnärzte & Hausfrauen & Fußgängerzonen

Bernd Begemann hat ein Stück, das für alles Falsche und Schlechte steht in der deutschen Musik. Deutsche Antimusik. Nicht HRK, nicht MMW. Nein, es ist ein One-Hit-Wonder namens Trio Rio.

Marcus Wiebusch von Kettcar, den wir auch für unser Feature getroffen haben, erklärt das so:

“Wenn man sich mit Bernd unterhält, ist sein Lieblingsbeispiel ja immer, dass es damals einen Hit gab namens „New York, Rio, Tokyo“ von einer Band, die heute kein Schwein mehr kennt. Wo es halt so eskapistisch darum ging, sich wegzumachen. Aus deutscher Sprache. Und Bernd hat gesagt, nein, darum geht es nicht. Ich will halt von dem Zahnarzt da hinten und der Hausfrau da vorne und der Fußgängerzone hier gerade singen.”

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“Ein Netzwerk von Freunden”

Bei Frank Werner liefen in Bad Salzuflen seinerzeit alle Fäden zusammen. Genauer gesagt: in seinem “Studio”. Er ist Mitgründer des “Fast Weltweit”-Labels. Mittlerweile fungiert er als Archivar dieser Zeit: Nirgendwo kann man sich besser zum Thema informieren als auf seinem exzellenten “Fast Weltweit”-Blog, das alle Lebensläufe bis heute mitvollzieht. Ein Gespräch über die Anfänge. Teil 1.

Erinnerst du dich noch an die allerersten Aufnahmen, die du gemacht hast?

Ich war als kleiner Junge begeistert vom alten Dampfradio meiner Großeltern und der Werkstatt eines Opas, der Techniker für diese Geräte war und Anlagen aus der Gastronomie reparierte, alte Wurlitzers und Radiogeräte. Mit zwölf Jahren hatte ich meinen ersten eigenen Kassettenrekorder, ein portables Gerät mit kleinem Mikrofon. Das Gerät war eine Revolution in meinem Schüleralltag. Im UKW-Radio der 70er-Jahre war Schlager Hauptbestandteil des Programms. Sendungen mit Pop- und Rockmusik gab es nur zu speziellen Zeiten und Terminen oder im BFBS. Ich konnte so Musikstücke aufnehmen und zeitversetzt hören. Das brachte ein Stück Autonomie in meinen Alltag und ein bisschen Freiheit für die Ohren.

Und dann kam irgendwann Bernd Begemann…

Bernd habe ich Jahre später in der Schule kennengelernt. Ich war ein bisschen älter, und Bernd hat sich in der Pause immer in die Raucherecke des Schulzentrums gemogelt. Bernd und Frank Jacobs hatten eine Punkband mit dem Namen Vatikan und suchten jemanden, der ein Tonbandgerät hatte. Ich hatte zu der Zeit einen Hi-Fi-Kassettenrekorder, und wir haben drei Tage lang in einem leer stehenden Gemeindehaus mit geliehenem Mischpult und Mikrofonen ein Demotape aufgenommen. Das hat mich „punkifiziert“.

Bernd erzählte, es ginge dir zunächst um Geräusche. Wie kam das?

Bernd verpackt das in seiner ganz eigenen Art in Geschichten und Andeutungen. Seine Pointe, ich hätte „Vogelstimmen rückwärts aufgenommen“, ist mehr übertragen gemeint. Der Name des Studios „Klangforschung“ steht für Entdeckung. Es ging immer um Musik, Aufnahmen und Kommunikation. Wir haben uns schon als Schüler getroffen und uns gemeinsam Platten angehört und vorgespielt, kleine Kassettensampler plus Cover gebastelt und verschenkt. Experimente mit Geräuschen gab es schon, z. B. bei the discount und Arthur Dent mit Frank Spilker und Mirko Breder. „Linoleum im Hirn“ ist so ein Stück. Dort spielt das Frequenzrauschen aus einem Kurzwellenradio eine tragende Rolle. Samples waren zu Anfang der 80er-Jahre recht neu. Arthur Dent hat gesampelte Klänge vom einem Diktiergerät benutzt.

Als du angefangen hast, dir das Equipment zu kaufen, gab’s da auch schon die Idee, Musik aufzunehmen?

Ich machte nach meinem Abi Zivildienst in einer Drogenklinik im Sauerland. Mein Draht zur Außenwelt war ein kleines Kofferradio, mit dem ich an gewissen Tagen nachts Sendungen von John Peel und Alan Bangs auf BFBS hören konnte. Das hat mich sehr beeinflusst. Nach dem Dienst und dem vollendeten 21. Lebensjahr zahlte mir mein Vater einen kleinen Bausparvertrag aus. Von dem Geld konnte ich mir eine kleine Vierspurmaschine und ein kleines Mischpult kaufen. Mit dem Equipment tingelte ich durch diverse Übungsräume und nahm auch Bands live auf. So entstanden Kontakte zu einer Herforder Band mit dem Namen The Toll. Andreas Henning, Michael Girke, Jürgen Jahn, Cord Budde und Rolf Birkfeld (R. I. P.) spielten Funpunk mit viel Ska-Einfluss. Saxofon, Keyboard, alles sehr schnell gespielt, rhythmisiert und deutsche Texte. Sie hatten ihren Übungsraum in einer alten Schokoladenfabrik.

Wie sah das konkret aus?

Wir improvisierten aus großen Schokoladenkartons eine Schlagzeugkabine und nahmen eine Kassette auf. Die Kassetten wurden im Selbstvertrieb von der Band an Freunde und auf Konzerten verkauft. Aus diesen Kontakten und gemeinsamer Musik entwickelten sich viele Freundschaften. So entstand ein kleines „fast weltweites“ Netzwerk von Freunden. Sehr viel fand einfach im Privaten, in Wohnungen statt, und man hat sich gegenseitig besucht, sich Songs vorgespielt, diskutiert und dann Dinge unternommen, ist z. B. zum „Forum“ in Enger gefahren, einem privat organisierten Musikklub mit einem ausgezeichneten Konzertprogramm. Das war für viele regelmäßiger Treffpunkt und verlängertes Wohnzimmer.

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Die Hymne

Für die, die den titelgebenden Song nicht kennen. Bernd Begemann bei den Konspirativen Küchenkonzerten.

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Bad Salzuflen Weltweit

Das Blog zur Soundstory „Bad Salzuflen Weltweit: Die Geburt des Diskurspop aus dem Geiste der Kurtaxe“. Die Wahren Anfänge der Hamburger Schule. Bald auf WDR 1LIVE.

Das „Dorf am Ende der Welt“ nannte es Michael Girke, sein Kumpel Bernd Begemann dagegen erlaubte sich einen Songtext lang Expansionsgelüste: „Völker der Welt, seid ihr bereit? Bad Salzuflen – weltweit!“ Soweit kam es bisher zwar nicht, aber der Kurort in Ostwestfalen-Lippe kann sich rühmen, die Brutstätte eines bedeutenden deutschsprachigen Pop-Phänomens zu sein – der Hamburger Schule. Denn deren Protagonisten stammen größtenteils aus der näheren Umgebung – Frank Spilker aus Herford, Jochen Distelmeyer aus Bielefeld, Bernd Begemann und Bernadette La Hengst aus Bald Salzuflen selbst. Im Studio von Frank Werner nahm die Clique ihre ersten Songs auf, bevor man sich aufmachte in die große Stadt. Davon wollen wir in unserem Feature erzählen.

Von Christian Möller und Heiko Behr.

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